Im Januar hatte Günther mich gefragt, ob ich mit zur Alpentour komme. Und das, obwohl er wusste, wie ich um Kurven fahre!!! Ich wusste nicht so recht ob ich mir das zutrauen sollte, aber wenn der Tourguide meint, ich kann mit, wird es schon gehen.. Außerdem könnte ich ja im Weser Bergland noch üben. Ich sagte zu, allerdings nur für die halbe Tour, denn den 70. Geburtstag meines Vaters wollte ich auf keinen Fall versäumen. Ich bekam also eine Fahrkarte für den 22.6. von Günther. Da ich noch nie mit einem Autoreisezug gefahren war, brachte ich Günther, Bernhard, Eddi und Ulli 4 Tage vor meiner Abreise nach Hamburg und bekam eine Einweisung zum Thema â��Wie verlade ich mein Mopedâ��. Außerdem hatte ich sämtliche Straßenkarten bekommen, natürlich mit eingezeichneter Route, die ich von München nach Obereggen fahren sollte. Ich war also bestens vorbereitet.
Sonntag, 22.6.
Jetzt ist es so weit; noch schnell meine Freundin vom Bahnhof abholen und meine Wohnung erklären, dann kann ich endlich los. Leider sind Unwetter angesagt (warum kommt sie nur so spät an, den ganzen Nachmittag war es schön). Ich habe Glück und erwische eine Lücke zwischen den Gewittern. Trocken in Hamburg angekommen, fängt es wieder an zu regnen. Macht nichts, kann mich ja unterstellen. Ich bin die erste in der langen Schlange der Mopeds. Verladung soll um 20:30 Uhr sein. Leider ist kein Zug zu sehen. Wo bleibt der denn? Mein Glück bei Bahnfahrten und Geschichten von ausgefallenen Autoreisezügen machen mich langsam unruhig. Endlich eine Durchsage: der Zug hat 1 Stunde Verspätung. Das fängt ja gut an, aber immerhin: er kommt, wenn auch spät.
Gegen 22 Uhr wird endlich verladen. Ich darf als erste auf den Zug. Meine Güte, ist der niedrig, und wenn ich den Kopf einziehe, stoße ich mit dem Helm auf den Tankrucksack. Das sah bei den anderen so einfach aus!! Und wie lang der Zug ist, hat der denn gar kein Ende? Doch! Geschafft! Das Moped wird verzurrt, und ich suche mein Abteil. Seltsame Mitreisende tauchen da auf. Ich teile mir mein "Hotelzimmer" zunächst mit 2 Hamburger Mopedfahrern, die ständig nur von Unfällen und Pannen erzählen. Haben die auch mal Spaß unterwegs?
Es gibt aber auch eine nette kleine Gruppe, die mich mitnehmen will, raus aus München oder auch bis Bozen, wenn ich will.
Die Nacht ist unruhig. Ich kann nicht schlafen. In Hildesheim steigen noch zwei Leute bei uns ein. Wir haben immer noch Verspätung. Irgendwie schlafe ich dann aber doch noch etwas.
Montag, 23.6.
Was ist denn nun los? Sind wir schon da? Es ist 6 Uhr!!! Alle ziehen sich an, komplette Montur, inklusive Stiefel! Geschätzte Ankunft 9 Uhr. Haben die alle "senile Bettflucht"? Na gut, dann werde ich mal langsam wach. Es gibt reichhaltiges Frühstück: Kaffee, Orangensaft, Brötchen. So gestärkt kann es ja nun endlich losgehen. Ankunft in München. Strahlend blauer Himmel, gefühlte Temperatur 25 Grad im Schatten. Ich treffe meine Mitnehmer wieder und wir fahren direkt aus dem Zug zur Autobahn. Auf der ersten Raststätte halten wir an. Nach langem Überlegen verabschiede ich mich dort von ihnen. Ich will meinen Weg nach Obereggen alleine finden. Ich fahre Richtung Süden, und plötzlich tauchen sie in der Ferne auf: die Alpen! Sieht für mich "Fischkopf" schon beeindruckend aus. Und da will ich drüber? Über diese hohen Berge? Ganz alleine? Einmal tief Luft holen. Ja das will ich! Ich gebe Gas. Alles ist prima, mein Moped schnurrt vor sich hin, mir geht es bestens, die Berge sind super. Und oben liegt ja sogar noch Schnee - da verpasse ich den Abzweig nach Leutasch! Ok, dann eben die nächste Straße rechts abbiegen. Ob ich so wohl nach Obereggen finde?
Irgendwann erreiche ich das Ötztal und meinen ersten Pass: das Timmelsjoch. Was steht da auf dem Schild? 12 Kehren? Oha! Mal sehen, wie das so geht. Da ist die erste Spitzkehre. Ist ja gar nicht so schwer. So funktioniert das also. Geht doch! Macht sogar richtig Spaß. Weniger Spaß machen die 11 Euro Mautgebühr. Dann bin ich in Italien. Und was ist das jetzt für ein schwarzes Loch vor mir? Ein Tunnel. Ich sehe gar nichts mehr und frage mich, ob ich die ganze Zeit ohne Licht fahre. Der Tunnel ist so schwarz, nicht einmal meinen Scheinwerfer kann ich erkennen. Aber auch das schwärzeste Loch hat mal ein Ende. Endlich! Die Aussicht ist umwerfend. So kann das weitergehen!
Die Schnellstraße in Bozen ist heiß, so heiß, dass selbst der Fahrtwind keine Kühlung bringt. Schnell weg hier. Ich finde sogar auf Anhieb den richtigen Weg nach Obereggen. Und die Unterkunft kann man nun wirklich nicht verfehlen: Obereggen ist sehr übersichtlich.
Ich treffe Udo, Dietmar, Claudia und Uwe. Die machen auch nur die zweite Hälfte der Tour mit und sind mit Autos und Anhänger hergekommen. Nachdem ich mein Moped ordentlich in der Garage geparkt habe, brauche ich dringend eine Dusche. Ich bringe all meine Überredungskunst auf, damit Markus mir ein Zimmer gibt, denn die Aufteilung ist eigentlich Sache von Günther, und Markus hat Angst vor einem Rüffel. Er hat aber Mitleid mit mir, weil ich mittlerweile pitschnass geschwitzt bin und meine Klamotten sich so langsam auf der gesamten Terrasse verteilen. Frisch geduscht geht es mir schon viel besser. Wir warten gemeinsam auf den Rest der Gruppe, die aus der Schweiz anreisen. Gegen 19 Uhr gibt es ein großes HALLO. Jetzt sind wir vollzählig.
Montags ist bei Specker Ruhetag, aber nicht für uns. Richard, der Senior des Hauses steht persönlich am Grill und brutzelt Unmengen von Fleisch für uns. So kann der Urlaub weitergehen! Abends falle ich todmüde ins Bett. Immerhin waren das heute 330 km, und das ganz alleine.
Dienstag, 24.6.
Obereggen -> Lavaze-Joch -> Passo Pramadiccio -> Vallepass -> Passo Duran -> Passo Staulenza -> Passo Giau -> Passo Giau -> Passo Fedaia -> Marmalada Gletscher -> Canazei -> Karer-Pass -> Obereggen
220 km
Wecken um 7:30 Uhr (warum muss ich nur immer so früh aufstehen?). Es gibt ein großes gemeinsames Frühstück. Auch Frank und Stefan, die bei der Nachbarin einquartiert sind, sind dabei. Hier ist es Art des Hauses, beim Frühstück mit der Köchin das Abendessen zu besprechen. Schöner Brauch! Wir entscheiden uns für Spaghetti mit Tomatensoße als erste Vorspeise und Schnitzel als Hauptgang. Den Rest entscheidet die Köchin Rosa ohne uns.
Anschließend umziehen, rein in die Ritterrüstung und Moped starten. Verflixt, warum habe ich nur unten in der Garage geparkt? Der Weg zurück zur Straße ist ca. 20 Meter lang, hat aber eine gefühlte Steigung von 50%. Wie soll ich denn da rauf kommen? Gar nicht! Günther gibt mir eine (wie sich noch zeigen wird, erste) Einweisung und fährt mir die Maschine hoch. Dann kann's ja endlich losgehen. Wir sammeln uns, bis auf Frank. Der hat zwei Probleme (ausnahmsweise ist mal nicht mein Motorrad das Sorgenkind). Frank braucht einen neuen Hinterreifen und einen Kupplungszug. Beides hatte in der Schweiz seinen Geist aufgegeben. Er fährt nach Bozen, um die Teile zu besorgen. Er ist übrigens nicht der Einzige mit Problemen. Marlis und Detlef haben in aller Herrgottsfrühe ihr Auto in die Werkstatt gebracht. Das braucht eine neue Lichtmaschine.
Wir sort ieren uns nach Fahrstil, Lust und Laune. Ich fahre, wie schon im Weser Bergland, an vorletzter Stelle. Ulli ist der Lumpensammler. Und los geht's. Die sind schon wieder so schnell! Und es geht bergab! Na gut, mal ausprobieren, ob ich das auch kann. Da sind so seltsame schwarze Streifen auf der Straße, die waren gestern schon rutschig. Egal, immer hinterher. Rutscht ja auch gar nicht so weit. Die Streifen sind ja auch nur wenige Zentimeter breit.
Das Fahren macht riesigen Spaß. Ich bin zwar noch etwas langsam und Ulli hinter mir bekommt bestimmt manchmal Zustände, aber schneller geht es für mich erstmal nicht. Müssen halt alle etwas warten, aber das kennen die ja schon. Wir fahren die Berge rauf und runter: Spitzkehren; verwunschene Wälder; Kurven, die zum Walzer tanzen einladen, wunderschön geschwungen an Felswänden vorbei. Es ist traumhaft. Die Straßen scheinen extra für uns frisch gefegt, wenig Verkehr, strahlender Sonnenschein. Es ist schon fast etwas zu warm. Wir machen oft kleine Pausen. Warten die anderen eigentlich lange auf mich? DarÃŒber mache ich mir im Moment wenige Gedanken. Die Berge sind einfach zu schön, um sich zu sorgen.
In Canazei gibt es eine längere Pause. Hier ist ein Eiskaffee. Wir belagern Ÿ des Kaffees und schlagen ordentlich zu. Da kommt noch ein Motorradfahrer. Den kenne ich doch? Es ist Frank. Er hat seine Ersatzteile besorgt bzw. bestellt. Dann ist er uns entgegen gefahren. Nun sind wir also das erste Mal komplett. 14 Motorräder sind ein schöner Anblick.
Irgendwann ist auch die schönste Pause einmal vorbei. Wir fahren weiter. Und plötzlich warten da nur noch Günther und Bernhard. Wo sind denn die anderen? Die sind schon auf dem Heimweg. Auch Ulli fährt gleich weiter. Was ist denn jetzt los?
Bernhard und ich, die Neulinge, bekommen eine Privatführung vom Tourguide zum Karersee! Der ist wunderschön. Klares, kaltes Wasser und ein Bergpanorama zum träumen. Leider ist Baden verboten. Schade. Eddi, der schon vorgefahren ist, wartet dort auf uns. Wir fahren gemütlich nach Obereggen zurück.
Udo möchte meine Maschine Probe fahren. Ich will sowieso nie wieder in die Garage fahren und parke gleich oben am Haus. Udo fährt und ist begeistert. Das freut mich sehr. Allerdings ist er auch so lieb gewesen und hat mein Moped in die Garage gestellt. Super! Jetzt ist sie wieder unten! War ja sehr nett gemeint, aber wie kommt sie morgen wieder rauf?
Egal, das ist ein Problem für morgen. Heute wartet ein ausgiebiges Abendessen auf uns. Jetzt lerne ich auch die restlichen Gänge unseres Menüs kennen. Es gibt noch Salat und Nachtisch, heute ist das ein Schnaps. In Verona wird Nabucco aufgeführt. Wir überlegen, wer Lust hat, die Aufführung zu besuchen. Leider bedeutet das am Donnerstag nur einen halben Tag Motorrad fahren (der Bus nach Verona fährt um 13 Uhr in Obereggen los) und am Freitag erst gegen Morgen ins Bett zu kommen, also auch nicht wirklich ausgeschlafen zu fahren. Die Entscheidung fällt mir schwer, aber schließlich will ich Moped fahren. Die Kultur ist zwar sehr reizvoll, aber das muss ich dann ein andermal machen. Udo, Tina, Claudia und Uwe wollen auf jeden Fall mit dem Bus nach Verona fahren. Wieder todmüde, falle ich nach einem lustigen Abendausklang auf der Terrasse in's Bett.
Mittwoch, 25.6.
Obereggen -> Lavaze-Joch -> Pramadicio -> Passo di Rollo
-> Passo di Gobbera -> Broconpass -> Grigno -> Autostrada -> Emego -> Adagio -> Passo Vezzena -> (leider gesperrt Passo di Xoma, Kaiserstraße zur schönen Aussicht auf Lago Caldonazzo) -> Borgo -> Manghenpass -> Lavazze-Joch -> Obereggen
330 km
Frühstück mit Speiseplanbesprechung für den Abend. Die Wahl ist Schweinshaxe mit Knödeln oder Putengeschnetzeltes. Ich entscheide mich für die Pute. Es ist schon wieder so warm, dass ich mir eine Haxe nicht vorstellen mag. Außerdem liegt mir noch die Auffahrt aus der Garage im Magen. Heute ist Eddi mein Retter. Ich bekomme die zweite Einweisung zum Thema Ausparken. Claudia und Uwe wollen heute ab Castello Tesino alleine fahren. Der Manghenpass scheint ihr nicht zu liegen. Was ist denn daran so geheimnisvoll? Eddi hat mir auch schon Schauergeschichten erzählt und Günther redet von engen Kurven. Na, mal sehen. Wo ich rauf komme, komme ich doch wohl auch wieder runter! Frank ist mit seinem neuen Reifen und dem Kupplungszug beschäftigt und Stefan ist verschwunden. Dann fahren wir eben mit 10 Motorrädern los. Es geht wieder rauf und runter, alles ist super. Ich bin auch schon etwas schneller als gestern. Heute fährt Bernhard als Schlusslicht. Weil ich immer noch nicht den Anschluss an die Gruppe halten kann, fahren wir mehr oder weniger alleine durch die Lande. Das hat für mich den Vorteil, dass ich die Kurven selber lesen muss und für die anderen den Nachteil, dass sie von Zeit zu Zeit warten müssen. Am Passo di Rollo sind dann plötzlich Frank und Stefan wieder da. Die sind ja wirklich fix unterwegs.
Und dann kommt irgendwann der berüchtigte Manghenpass. Den finde ich aber gar nicht schlimm, im Gegenteil: als wir wieder unten sind, wÃŒrde ich am liebsten noch mal umdrehen. Das liegt aber wohl auch daran, dass wir keinen Gegenverkehr haben. Eigentlich ist der Pass nämlich am einen Ende gesperrt. Wir sind also fast alleine unterwegs. Als wir an der Sperrung ankommen, ist kein einziges Hindernis zu erkennen. Wir haben Glück gehabt, denn sonst wären wir tatsächlich umgekehrt und hätten einen riesigen Umweg fahren müssen. Heute beschließe ich, mein Moped freiwillig in die Garage zu stellen. Das kann doch so schwer nicht sein, die paar Meter den Berg hochzufahren. Das mache ich doch hier den ganzen Tag lang!
Der Abend verläuft wie der vorherige: es gibt ein super Essen, ich bin satt gefahren und zufrieden falle ich in's Bett.
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Donnerstag, 26.6.
Obereggen -> Karerpass -> Pordoi-Joch -> Falzarego -> Valparola-Pass -> Grödner Joch -> Sella-Joch -> Canasei -> Karer-Pass -> Obereggen
180 km
Heute fahre ich mein Moped selber die Auffahrt hoch. Das sieht bei den anderen doch nicht so schwer aus! Stimmt, wenn man sich erstmal traut, ist das ganz einfach. Warum habe ich mich die letzten Tage nur so angestellt? Wir fahren über den mittlerweile schon altbekannten Karerpass. Kurz danach verlassen uns die Opernbesucher, denn sie müssen zum Bus. Mit kleiner Besetzung fahren wir weiter zum Pordoi-Joch. Kaffeepause direkt unter der Seilbahn. Die Sicht ist nicht schlecht, aber leider ist die Zeit zu knapp, um hinauf auf den Gipfel zu fahren. Wir beschließen, das auf den nächsten Tag zu verschieben. Ob das so eine gute Idee ist? Man wird sehen.
Wir fahren weiter. Heute ist es mal eine kurze Tour. Die 180 km sind bald gefahren und das Eis in Canazei schmeckt wieder lecker (obwohl fast die Hälfte aus Schlagsahne besteht).
Zurück in Obereggen, wird als erstes ein kaltes Bier genossen und dann geduscht. Ist alles schon Routine geworden. Der Palatschinken im Hause Specker ist auch nicht zu verachten. Wenn das mit dem Essen so weitergeht, brauche ich bald neue Hosen. Der Himmel sieht mittlerweile etwas bedrohlich aus. Hoffentlich findet die Vorstellung in Verona statt und wird nicht wegen Regen abgesagt. Das wäre ja nun wirklich schade für unsere Ausflügler. Wir sitzen auf der überdachten Terrasse und fachsimpeln. Plötzlich gibt es einen Donner. Ist ja seltsam, es sind gar keine Gewitterwolken zu sehen. Stefan entdeckt die Ursache als erster: Oben am Felsen vor dem Haus gibt es eine große Staubwolke, aus der ziemlich große Felsbrocken herausrollen. Sie sind fast so groß wie die Tannen an der Baumgrenze. Das ganze Schauspiel sieht sehr beeindruckend aus und die Wirtin Barbara schaut besorgt aus. Sie denkt wohl über Fluchtmöglichkeiten nach, falls da noch mehr passiert. Ganz so abwegig ist dieser Gedanke wohl auch nicht, denn der Fels am Latemar ist aus dem brüchigen Dolomitgestein. Wandern scheint hier nicht ganz ungefährlich zu sein, denke ich mir. Irgendwann ist die Staubwolke dann verflogen und die Aufregung legt sich. Wir fallen über das Abendessen her. Anschließend wird Fußball geguckt: Frankreich gegen Italien. Wir schicken SMS mit den Zwischenergebnissen an die Verona-Besucher. Die kommen dann irgendwann in der Nacht zurück. Claudia hat sogar daran gedacht den Zimmerschlüssel mitzunehmen. Der wird nämlich normalerweise an einen Haken im Flur gehängt. An ihm befindet sich auch ein Hausschlüssel. Leider hat keiner ausprobiert, ob er auch passt. Tut er nämlich nicht! Die vier versuchen, um 4 Uhr morgens irgendwie ins Haus zu kommen. Tina hat die rettende Idee: Unser Zimmer hat eine Terrasse zum Garten. Sie will mich wecken, um den anderen Aufzuschließen. Das braucht sie aber gar nicht, denn es war am Abend so warm in unserem Zimmer, dass ich bei offener Terrassentür schlafe. Sie schleicht sich durchs Zimmer und öffnet die Haustür für die anderen. Ich schlafe so fest, dass eine ganze Armee hätte durchs Zimmer gehen können, ich hätte nichts gemerkt. Gut, dass es nur Tina ist.
Freitag, 27.6.
Obereggen -> Karerpass -> Nigersattel -> Seiseralm -> Laion -> Grödner Tal -> Würzjoch -> Gadertal -> Campolongo Pass -> Pordoi Joch -> Karerpass -> Obereggen
220 km
Beim Frühstück geht es mal wieder nur ums Essen. Erst müssen wir uns entscheiden, wer am Abend Forelle essen will und dann müssen wir entscheiden, wer am Mittag Apfelstrudel will. Es geht nämlich unter anderem zum Würzjoch, auch bekannt als Apfelstrudelpassâß. Davon habe ich ja schon viel gehört und bin ganz gespannt darauf. Apfelstrudel wollen natürlich alle, im Gegensatz zur Forelle. Günther bestellt per Telefon schon mal den Strudel (die Gruppe scheint da schlechte Erfahrungen gemacht zu haben).
Wir starten. Nach vielen Felsen, Spitzkehren, schönen Kurven und Aussichten auf Hochgebirge verändert sich die Landschaft plötzlich. Es geht durch blühende Wiesen. Das hatten wir ja noch gar nicht. Immer war die Landschaft eher ein bisschen schroff, Felsen, Wälder und steile Abhänge, manchmal ist der Schnee ganz nah, oben auf den Pässen kaum Pflanzen. Und jetzt auf einmal fühle ich mich wie im AllgÀu. Keine scharfen Kurven, alles ist seicht geschwungen. Die Straße ist schmal, aber gut. Irgendwann taucht eine Holzhütte auf. Das ist also der Apfelstrudelpass und dort soll es ihn geben.
Wir fallen wie die Heuschrecken in der Hütte ein und vernichten wahrscheinlich sämtliche Apfelstrudelvorräte. Der ist aber wirklich sehr gut, eine Mischung zwischen Strudel und Kuchen, mit richtiger Vanillesoße! So gestärkt, geht es irgendwann weiter. Drei Pässe weiter stehen wir wieder am Pordoi Joch, diesmal von der anderen Seite erklommen. Natürlich ist die Sicht heute miserabel. Na ja, miserabel ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Nicht, dass jetzt jemand denkt, wir fahren hier im Nebel! Das Wetter ist schon ok, aber nicht gut genug, um die lange Seilbahnfahrt zum Gipfel zu machen. Von da sieht man bei dem Wetter nämlich auch nicht mehr als von hier unten. Dann machen wir das eben im nÀchsten Jahr.
Den Heimweg findet mein Moped jetzt schon bald alleine. Trotzdem ist es schön, dass Eddi am Abzweig wartet. Mittlerweile fühle ich mich immer sicherer und schon fast zu Hause in Obereggen. Die ganze Gruppe ist nett und passt irgendwie gut zusammen, die Wirtsleute sind unheimlich gastfreundlich und liebenswert und die Zimmer sind urgemütlich (auch wenn das von Tina und mir etwas klein geraten ist).
Heute ist Packen angesagt. Wir mÃŒssen ja morgen abreisen. Schade, jetzt bin ich gerade warm gefahren. Der Abend endet wie immer auf der Terrasse.
Samstag, 28.6.
Obereggen -> Bozen -> Meran -> Timmelsjoch -> Ötztal -> Leutasch -> Mittenwald -> Walchensee -> Kesselberg -> Kochelsee -> Autobahn (bäh) -> München-Ost Bahnhof
330 km
Das große Verpacken und Verabschieden beginnt. Marlis und Detlef, Claudia und Uwe, Dietmar und Udo beladen ihre Anhänger. Der Rest ist damit beschäftigt, die Klamotten wieder in die Behältnisse zu bekommen, in denen sie mitgebracht wurden. Gar nicht so einfach, ist irgendwie alles mehr geworden im Laufe der Woche. Irgendwann ist es dann aber geschafft. Wir sind startbereit und sagen Auf Wiedersehen. Mit nur noch 7 Mopeds fahren wir los, durch Bozen und Meran bis zum Timmelsjoch. Dort sind wir nur noch 6. Tina hat uns unterwegs verlassen. Sie hat noch eine Verabredung in München und will ohne Umwege dorthin fahren. Vor dem schwarzen Loch am Timmelsjoch ist ein Rastplatz, auf dem Frank, Günther und Ulli auf Bernhard und mich warten. Wir sind nur noch 5! Da fehlt doch einer? Wo ist Eddi? Der hat Frank und Günther nicht gesehen und wird vom "schwarzen Loch verschluckt". Egal, er wird sicher an der Mautstation auf uns warten. Wir fahren durch meine "Lieblingstunnel". Diesmal gibt es darin Überraschungen in Form von unbeleuchteten Radfahrern. An der Mautstation ist kein Eddi zu sehen. Er wartet sicher unten am Pass Tut er nicht. Wir fahren weiter. Irgendwo wird er schon warten. Das Wetter ist immer noch super schön, nur wird es mit jedem Kilometer Richtung Norden weniger heiß. Wir fahren durchs Ötztal. Kreisverkehre, aber kein Eddi. Langsam macht Günther sich Sorgen. Auch per Handy ist er nicht erreichbar. Am letzten Abzweig nach München verabschiedet sich dann auch Frank von uns. Da sind wir nur noch 4. Wie bei den 'zehn kleinen Negerlein' komme ich mir langsam vor. Weiter geht`s zum Walchensee. Dort gibt es (mal wieder) ein schönes Gasthaus, in dem wir eine lange Pause bei Walchenrenke und mediterranem Salat machen und die Segler beobachten (Bernhard, Ulli und ich. Günther mag Segelboote nicht besonders). Wir bekommen beim Gehen von der Wirtin noch den guten Tipp, die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu beachten, denn auf der folgenden Strecke hat es am letzten Wochenende einen tödlichen Motorradunfall gegeben, und nun wird geblitzt. Günther erklärt mir noch einmal (wie überhaupt die ganze Tour hindurch) die Besonderheiten der kommenden Strecke. Am Kesselberg gibt es wirklich seltsame Kurven, die manchmal gar nicht enden wollen. Die Einweisung war wirklich gut und hilfreich. Irgendwie finden wir dann auch in MÃŒnchen unseren Weg zum Bahnhof, mit Umwegen durch Tempo-30-Zohnen und durch Absperrungen. Gut, dass wir mit dem Motorrad und nicht mit dem Auto unterwegs sind.
Am Bahnhof treffen wir Eddi wieder. Er bekommt einen bösen Blick und einen kleinen Vortrag von Günther, aber eigentlich sind alle froh, wieder komplett zu sein.
Im Verladen bin ich ja nun schon geübt, alles klappt genauso reibungslos wie auf der Hinfahrt. Wir beziehen unser Hotelzimmer und legen die Füße hoch (meine sind frisch gewaschen!). Die Schlafplätze werden verteilt, ich nehme den der übrig bleibt, in der Mitte, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Das ist auch gut so wie sich in der Nacht herausstellt. Der Zug ist nämlich streckenweise ziemlich flott unterwegs. Und dann passiert immer das, was ich schon von anderen Bahnfahrten kenne: Wenn ein Zug zu schnell ist, wird er notgebremst! Das üben wir in dieser Nacht mehrmals. Ach so, falls das jemand noch nicht weiß: Ich habe seit dem Orkan Kyrill keine problemlose Bahnfahrt mehr von Süd nach Nord gehabt, und ich fahre viel mit der Bahn. Für mich ist das also ganz normal. Zwischen den Notbremsungen und dem schon bekannten Stopp in Hildesheim (Fahrgäste steigen zu, ein Autozug wird angehängt) schlafe ich dann irgendwie doch noch etwas.
Sonntag, 29.6.
Ankunft in Hamburg. Wir sind sogar pünktlich (trotz meinem Pech. Hat das jetzt ein Ende?). Zwei Stunden vor Ankunft beginnt auch hier die senile Bettflucht. Ist das normal? Sooo alt sind die doch gar nicht? Immerhin gibt mir Eddi den Tipp, dass im Nachbarwagon erster Klasse das Bad ganz erträglich sei. Ich mache mich auf den Weg und finde doch tatsächlich eine vollkommen unbenutzte Dusche vor. Wenn ich morgens eine Dusche sehe, muss ich sie auch benutzen. Ich dusche also erster Klasse. Leider hat mein Handtuch nur die Maße 20 x 30 cm!!! Glaubt es oder nicht, auch das reicht aus. Allerdings sieht das Bad hinterher nicht mehr so gut aus.
<Ich werde langsam wach, und nachdem ich dem Schaffner noch einen zweiten Kaffee abgeschwatzt habe, kann der Tag beginnen.
Abladen in Hamburg. Auch hier scheint noch die Sonne! Ich habe zu wenig Öl. Jetzt geht das auf den letzten Metern doch noch los mit Problemen? Ich hatte schon gestern etwas Öl nachgefüllt. Die erste Tankstelle hat natürlich alles, nur kein 20W40. Ist ja auch ein völlig ungewöhnlicher Wunsch an einer Tankstelle. Alle versichern mir, dass ich noch nach Hause komme mit meinem Ölstand, also fahren wir los. Die Landschaft ist ungewöhnlich platt und langweilig. In Sittensen auf dem Autohof wollen wir frühstücken. Die Angestellten sind wohl schlecht gelaunt, denn wir werden mit â��Tär zu begrüßt statt mit Guten Morgen. Trotzdem geling es uns irgendwie, unsere Wünsche in die Tat umzusetzen, und schließlich haben wir alle unser Tablett vor uns.
Es ist ein komisches Gefühl, jetzt so plötzlich wieder im Flachland zu sein. Da waren doch gerade noch die Berge? Eddi will schnell nach Hause und verabschiedet sich. Ich fahre noch eine Umweg über Land mit den anderen. Eigentlich könnte ich jetzt immer weiterfahren. Ich will gar nicht so wirklich aufhören. Aber irgendwann ist es dann so weit. Ich fahre das letzte Stück alleine Richtung Bremen.
Fazit
Ich hatte große Bedenken, die Tour zu schaffen. Ich hatte etwas Angst vor den hohen Bergen und den engen Kurven. Ich dachte, es würde euch vielleicht nerven, immer lange auf mich zu warten.
Und wie war es dann für mich?
Die Berge waren super toll (und gar nicht soooo hoch, oder?)
Ich hatte wirklich großen Spaß am Kurven fahren!
Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr genervt wart.
Ganz im Gegenteil: Ich habe täglich die Besonderheiten der zu bewältigenden Strecke vorher von Günther erklärt bekommen. So gab es keine negativen Überraschungen für mich. Ich fand die Berge einfach bezaubernd und weiß jetzt gar nicht so recht, wo hier im Flachland enge Kurven sind.
Es hat mir riesigen Spaß gemacht, mit euch unterwegs zu sein! Und nächstes Jahr will ich unbedingt die ganze Tour mitfahren. Vielleicht brauche ich dann auch irgendwann nicht mehr so einen netten und geduldigen "Lumpensammler" wie Bernhard, bei dem ich mich hier noch mal bedanke.
Und ein großes
DANKE
geht natürlich an Günther,
der jede Menge Arbeit mit der Vorbereitung hatte, der alles so super organisiert hat, der diesen Ameisenhaufen zusammengehalten hat, der sich wahrscheinlich auch für alle zu erwartenden Pannen verantwortlich gefühlt hat (gab es Pannen???) und der sich um jeden gekümmert und auch gesorgt hat, der einfach immer da war.


